UH44: Psychische Belastung verstehen

UMSETZUNGSHILFE Nr. 44
Psychische Belastung verstehen

 

März 2014, Diese UH als PDF downloaden
Erleben Sie ihre Arbeitswelt als immer schneller drehend, mit wenig Stabilität und geringerer Vorhersagbarkeit? Haben Sie das Gefühl, dass die Menge an Informationen dramatisch zugenommen hat?
Elektronische Medien und ständige Erreichbarkeit haben neue Erwartungen geweckt: Früher wurde die Antwort auf Briefpost binnen einer Woche erwartet – heute Dank E-Mail binnen einer Stunde.
Die technische Entwicklung und die damit verbundenen Erwartungen lassen sich nicht zurückdrehen. Wer in der Champions-League spielen will, muss sein Team befähigen, die höhere Belastung erfolgreich zu meistern.
Was häufige und kritische psychische Belastungen sind und wann sie negativ auf die Gesundheit wirken, erfahren Sie in dieser Umsetzungshilfe. Die folgende Umsetzungshilfe Nr. 45 hilft Ihnen die Ressourcen der Mitarbeiter zu stärken. Die folgende Umsetzungshilfe Nr. 45 hilft Ihnen die Ressourcen der Mitarbeiter zu stärken.

1. Wann fühlen wir uns psychisch belastet?

Nörzig hat einen Plan – nur, Kinder lassen sich nicht gerne verplanen. Sein Kleiner ist heute Morgen mit dem falschen Bein aufgestanden und kommt einfach nicht aus dem Tee. Normalerweise liefert Nörzig den Dreijährigen um 08:00 Uhr in der Kita ab. Heute verliert Nörzig den Kampf gegen die Uhr. Statt 08:00 Uhr ist es schon 08:20 Uhr. An normalen Tagen schafft er es in 20 Minuten zur Arbeit. Aber heute ist nicht „normal“ – sondern Wintereinbruch.
Die Straßen sind spiegelglatt, die Autofahrer übervorsichtig, die Fahrt durch die Stadt wird zum Geduldsspiel. Und um 09:00 Uhr wird der neue Großkunde an der Pforte stehen, um sich die Fertigung anzuschauen. Jetzt bloß nicht den neuen Kunden auf der Zielgeraden noch verärgern. Nörzigs Hoffnung wandelt sich mit jeder Rotphase in Enttäuschung. Er ist sich sicher, bis 9:00 Uhr schafft er es nie.
Wie hoch ist Nörzigs psychische Beanspruchung, der empfundene Druck? Dies hängt davon ab, welche Möglichkeiten er im Umgang mit der Situation hat. Welche Ressourcen hat Nörzig, um die Situation zu bewältigen?
Nörzig wird klar, dass er es heute nicht bis neun Uhr in die Firma schafft. Also ruft er seinen Chef an und teilt ihm mit, dass er nicht vor 09:30 Uhr da sein wird.

Stellen Sie sich die folgenden zwei Szenarien vor:
Szenario A: Nörzigs Chef dreht durch und belehrt ihn, dass er in diesem Jahr bereits das zweite Mal zu spät zur Arbeit kommt. Die Kernzeit beginne um 09:00 Uhr, nicht 9:30 Uhr! Nörzig habe sicherzustellen, dass er um neun Uhr in der Firma ist. Nörzig versucht auf die Öffnungszeit des Kindergartens und die spiegelglatten Straßen zu verweisen. Der Versuch jedoch scheitert. Der Chef will keine Ausreden – Nörzig soll Gas geben und sich gefälligst um den Kunden kümmern.
Szenario B: Nörzigs Chef bietet an, den Kunden um neun Uhr zu empfangen und den Kollegen Brüggel zu bitten, mit dem Kunden die Werkführung zu beginnen. Dann könne Nörzig ab 10 Uhr die Firmenpräsentation halten. Der Chef bittet Nörzig ruhig und vorsichtig zu fahren und bei einer größeren Verspätung nochmals anzurufen.
Wie wird sich der Nörzig im Szenario A und wie im Szenario B fühlen? Die Belastung: Kind kommt nicht aus dem Tee, Wintereinbruch, verstopfte Straßen und wichtiger Kunde um 09:00 Uhr an der Pforte, ist in beiden Situationen gleich.
Im Szenario A bekommt Brüggel keine Unterstützung. Er muss den wichtigen Kunden an der Pforte warten lassen. In Szenario B bekommt Brüggel soziale Unterstützung von seinem Chef und seinem Kollegen Brüggel. Er hat die Gewissheit, dass der wichtige Kunde betreut wird.
Im Szenario B hat der Nörzig Ressourcen um die Belastung zu puffern. Seine psychische Beanspruchung ist deshalb im Szenario B geringer als im Szenario A.
Die Beanspruchung hängt nicht an der objektiven vorhandenen Belastung, sondern am Zusammenspiel zwischen Belastung und vorhandenen Mitteln zur Bewältigung (Ressourcen):

 

Abbildung 1: Modell der Belastung und Beanspruchung

Sind die vorhandenen Ressourcen zu gering (Szenario A), dann kippt das Pendel in Richtung psychischer Überforderung. Im Szenario B helfen die soziale Unterstützung des Chefs und des Kollegen die Beanspruchungs-Waage ausgeglichen zu halten.

2. Was sind die häufigsten psychischen Belastungen

Grundlage der folgenden Daten ist der im Februar 2013 erschienene Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua). Die baua hat hierzu über 20.000 Beschäftigte befragt. Die am häufigsten genannten psychischen Anforderungen waren:

  1. Verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen (58% der Befragten)
  2. Starker Termin- und Leistungsdruck (52%)
  3. Ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge (50%)

Von den aus Sicht der Beschäftigten häufig auftretenden Anforderungen wirken die folgenden drei besonders belastend:

  1. Arbeiten an der Grenze der Leistungsfähigkeit (74% der Betroffenen)
  2. Fehlende Information (73%)
  3. Nicht rechtzeitige Information (65%)

3. Wie wirkt sich die psychische Belastung auf die Gesundheit aus?

Entscheidend ist nicht allein die Höhe der psychischen Belastung, sondern das Zusammenspiel aus Belastung und vorhandene Ressourcen (siehe obige Abbildung). Die Ergebnisse des Stressreports verdeutlichen dass:

  •  Von den Befragten mit schlechtem Gesundheitszustand sagten 31 Prozent, selten oder nie Unterstützung vom direkten Vorgesetzten zu erhalten. Befragte mit sehr gutem Gesundheitszustand sagten dies nur zu 13 Porzent.
  • Von den Befragten mit schlechtem Gesundheitszustand sagten 23 Prozent, die eigene Arbeit nicht selbst planen und einteilen zu können. Befragte mit sehr gutem Gesundheitszustand sagten dies nur zu 11 Prozent.

Es ist nicht die hohe Belastung die zu Stress führt. Entscheidend sind Handlungsspielraum und Kontrollmöglichkeiten bezüglich der eigenen Tätigkeit und der Umfang sozialer Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte.
Während die Befragten bei der Umfrage zum Stressreport die soziale Unterstützung durch Kollegen als hoch bewerteten, fiel die Bewertung der sozialen Unterstützung durch die Vorgesetzten schlechter aus. 40 Prozent der Befragten meinten, dass sie nicht regelmäßig von ihrem Vorgesetzten unterstützt werden. Damit haben die Vorgesetzten in Deutschland von ihren Mitarbeitern im europäischen Vergleich die rote Laterne bekommen. In keinem EU-Land wurde die soziale Unterstützung durch die Vorgesetzten schlechter bewertet.
Wie Sie als Vorgesetzter psychische Beanspruchung reduzieren können, lesen Sie in der nächsten Umsetzungshilfe. Nutzen Sie die angefügte Checkliste, um psychische Belastung an Ihren Arbeitsplätzen abschätzen können.

Denn: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! (Erich Kästner)

Viel Erfolg bei der Umsetzung! Enrico Briegert & Thomas Hochgeschurtz

Diese UH als PDF downloaden

Ressourcen:
Briegert, E. (2013): Wie lässt sich schlechte Laune am Fließband verarbeiten? http://umsetzungsblog.de/2013/03/13/wie-lasst-sich-schlechte-laune-am-fliesband-verarbeiten/ (Status 23.03.2013)
Lohmann-Haislah, A. (2012): Stressreport Deutschland 2012, Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befin-den, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund.
http://www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd68.pdf?__blob=publicationFile&v=4
Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA): Psychische Belastung – Gefahren erkennen & beseitigen. http://www.auva.at/mediaDB/MMDB118587_E14.pdf

Möchten Sie Führung verbessern?

  • Erfolgreich Gespräche führen?
  • Krankheitsbedingte Fehlzeiten reduzieren?
  • Arbeitsunfälle vermeiden?

Nutzen Sie unsere offenen Seminare! Wir kommen auch zu einer Inhouse-Schulung in Ihr Unternehmen! Schicken Sie eine E-Mail an: kontakt@briegert-hochgeschurtz.com oder besuchen Sie unsere Homepage für weitere Informationen. Unsere Umsetzungshilfen erscheinen monatlich zu ausgewählten Problemen täglicher Führung und werden auf www.briegert-hochgeschurtz.com veröffentlich. Sie können die Umsetzungshilfen auch kostenfrei abonnieren. Dazu schicken Sie einfach eine E-Mail an: abo@briegert-hochgeschurtz.com.