UH21 - Wie läuft´s denn bei Dir so? Mein Coach ist Spitze!
April 2011
Peter Müller (Ikotes)
In den letzten 5 Jahren verantwortete Lukas Renner das Marketing sehr erfolgreich. Seine Vorstandschefin hatte immer ein offenes Ohr gehabt und seine Arbeit jederzeit unterstützt. Auf seine Mitarbeiter konnte er sich absolut verlassen. Es lief gut für ihn.
Doch seit acht Monaten war alles anders. Der neue Vorstand Ewald Rüttner setzte andere Prioritäten. „Kein Problem!“, dachte Lukas. „Ich lerne gerne etwas Neues.“ Rüttner schien jedoch kein Interesse daran zu haben, sich mit Lukas konstruktiv auseinanderzusetzen. Die Zusammenarbeit wurde zusehends schwieriger. Lukas’ bekannte Welt fiel endgültig in sich zusammen, als der Vorstand überraschend die Entscheidung bekanntgab, die Marketingaufgaben an eine externe Agentur zu vergeben. Lukas würde die Übergabe organisieren und danach eine hochdotierte Stelle im Verkauf antreten können. Wieso hatte eigentlich vorher niemand mit ihm darüber gesprochen?
Tanja Renner sah die Veränderungen bei ihrem Mann. Er war oft verspannt und gereizt. „So kann das nicht weitergehen, Lukas. Unternimm was, bevor es Dich fertigmacht.“ Lukas hatte aber keine Idee, was er jetzt tun sollte. Warum war das so gründlich danebengegangen, warum hatte er jetzt mit der Veränderung so große Probleme? Er war doch sonst nicht so unflexibel...
Was kann Lukas jetzt unternehmen?
Er befindet sich in einer Situation, in der er nicht in der Lage ist, den nächsten Schritt zu tun: eine Entscheidung treffen, die Lösung für ein Problem finden, einen Konflikt lösen, sein Verhalten ändern... Er ist aber immerhin in der glücklichen Lage, seine (gefühlte) Hilflosigkeit selbst wahrzunehmen und er fängt an, darüber nachzudenken.
Vielleicht kann ein Coaching weiterhelfen? Wir unterstellen mal, dass Lukas offen ist für Hilfe von außen. Und da er das Glück hat, dass sein Unternehmen ihm Coaching als wirksame Methode der Personalentwicklung anbietet, kann es losgehen.
Grundannahmen zum Coaching
Es handelt sich beim Coaching um eine interaktive Prozessbegleitung auf persönlicher Ebene. Das bedeutet: der Coach unterstützt den Klienten dabei, seine Fähigkeiten im Umgang mit (neuen) Situationen, Konflikten, wiederkehrenden Problemen oder persönlichen Anliegen zu steigern.
Er sagt dem Klienten nicht, „wie es geht“, sondern er bietet mittels geeigneter Methoden Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstverantwortung an. Der Klient soll durch die Förderung der Selbstreflexion seine Verhaltens- und Wahrnehmungseinschränkungen erkennen können. In der Folge kann er sein vorhandenes Potenzial für die Problemlösung eigenverantwortlich einsetzen. Damit ist klar, dass ein Coach sich im Laufe der Zusammenarbeit überflüssig macht.
Coaching ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die folgenden Umsetzungshilfen unterstützen Sie
- bei der Entscheidung für oder gegen ein individuelles Coaching
- bei der Auswahl des geeigneten Coachs
Sie – der Klient – stehen im Mittelpunkt
1. Problemerkennung
Wer in seinem Berufsleben keine Grenzen spürt, keine Probleme erlebt, immer Erfolg hat und von allen gemocht und respektiert wird ... der braucht kein Coaching. Falls diese Selbsteinschätzung allerdings nicht in Einklang zu bringen ist mit dem Bild, das das Umfeld davon hat, sieht es schon anders aus. Dann gehört allerdings ein ordentliches Maß an Offenheit dazu, um Rückmeldungen, die nicht zum eigenen Bild passen, für ein Coaching zu nutzen.
2. Freiwilligkeit
Für ein erfolgreiches Coaching braucht es einen Klienten, der sich freiwillig dazu entschieden hat. Hierzu gehört auch die Bereitschaft zur aktiven Veränderung. Es geht immerhin um die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Wer den Bedarf nicht selbst spürt oder die Unterstützung gegen seine eigentliche Überzeugung annimmt, wird sich eher schaden. Personalverantwortliche sollten Coaching daher nicht „verordnen“ sondern es beim Angebot belassen. Abgesehen davon wird ein guter Coach kein „Zwangscoaching“ durchführen.
3. Selbstmanagement
Coaching ist keine (Psycho-)Therapie. Es ist daher notwendig, dass der Klientin psychisch und physisch in der Lage ist, im Prozess die Verantwortung für sein Handeln und Erleben zu übernehmen. Ein Coach wird aufmerksam mit dem Thema umgehen und im Falle einer offenkundigen Erkrankung des Klienten das Coaching beenden oder unterbrechen.
Der richtige Coach (damit sind auch die weiblichen Vertreter gemeint)
4. Integrität
Auch ein Coach bezahlt Miete und braucht Geld zum Leben. Das darf nicht dazu führen, dass über das Coaching ein „Dauerverhältnis“ zum immer gleichen Thema aufgebaut wird. Achten Sie darauf, dass die vereinbarten Ziele der Zusammenarbeit erreicht werden und dass für Transparenz bei gegebenenfalls notwendigen Änderungen gesorgt wird.
Der Coach ist Ihrem Prozess und Ihrem persönlichen Bedarf verpflichtet, auch wenn der Auftraggeber Ihr Arbeitgeber ist. Natürlich erwarten Arbeitgeber Leistungsverbesserungen als Folge von Coaching-Maßnahmen. Doch die konkrete Zielsetzung im Coaching-Prozess wird ausschließlich zwischen Klient und Coach vereinbart.
5. Diskretion
Der Klient will sich zu Recht darauf verlassen, dass über alles, was im Coaching-Prozess stattgefunden hat, absolutes Stillschweigen herrscht. Das gilt auch, wenn die Rechnung vom Arbeitgeber bezahlt wird. Es darf zwischen Coach und Personalverantwortlichem kein Gespräch über den Verlauf, die Inhalte oder ... des Coachings geben.
6. Methoden und Rahmenbedingungen
Jeder Coach verfolgt aufgrund seiner Individualität einen eigenen Ansatz. Dazu gehören neben dem Coaching-Verständnis (Einsatzbereiche, was ist möglich/unmöglich, …) die Methoden, die der Coach anwendet, um die Ziele zu erreichen. Außerdem sind für sie die Rahmenbedingungen (zeitlicher, finanzieller Aufwand; Regeln für die Zusammenarbeit) wichtig, um entscheiden zu können, ob dieser Coach zu ihnen passt.
7. Ziele und Ergebnisse
Je genauer Ihr Veränderungsbedarf, Ihr Problemfeld beschrieben ist, desto besser kann ein späterer Erfolg bewertet werden. Das bedeutet, dass der Coach zuerst eine sehr ausführliche Zieldefinition mit Ihnen erarbeitet.
Vorsicht: es sind Ihre Ziele, sie kommen ausschließlich von Ihnen. Coaching beinhaltet immer auch die Gefahr der Manipulation. Sie sind aber zu jeder Zeit Herr über das Verfahren. Der Coach kann vorschlagen, anregen, nachfragen – aber nicht die Zielsetzung bestimmen.
Vereinbaren Sie, wie Sie den Erfolg messen wollen. Die Evaluation wird Sie über den gesamten Coachingprozess hinweg begleiten. Die Tatsache, dass sich Ziele im Verlauf des Coaching ändern, ist vollkommen normal. Der Coach hat für Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu sorgen. Gemeinsam vereinbaren Sie wieder, woran Sie den Erfolg messen wollen.
8. Kompetenzen
Ein Coach sollte Ihre Welt aus eigenem Erleben kennen. Das heißt, eine Führungskraft sollte darauf achten, dass der Coach selbst als Führungskraft Erfahrungen sammeln konnte. Da es beim Coaching nicht um branchenspezifische Beratung geht, sondern um Veränderung von Verhaltensweisen, Denkmustern etc., ist es nicht notwendig, dass der Coach aus der gleichen Branche kommt. Im Gegenteil, der Abstand zur Branche kann für die Fragestellungen und Perspektiven, die der Coach anbietet hilfreich sein.
Psychologisches Grundwissen sollte ebenso wie regelmäßige Weiterbildung vorausgesetzt werden.
9. Soziale Kompetenz, Empathie
Coaching ist Vertrauenssache. Was hilft die längste Ausbildung, die tollste Methode, die beste Referenz ... wenn die Chemie nicht stimmt.
Bevor Sie sich für den Coach entscheiden, lernen Sie ihn kennen. Wirkt er auf Sie spontan sympathisch? Kann er eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen? Hört er Ihnen zu und – noch wichtiger - haben Sie das Gefühl, er versteht Sie und ist wirklich interessiert? Fragt er nach? Oder nickt er einfach alles ab, egal, was Sie sagen? ...
Lassen Sie das erste Treffen auf sich wirken und spüren Sie nach: ist das der Richtige für mein Thema?
Lukas brauchte nicht lange, um seinen Weg zu finden. Flexibilität war tatsächlich nicht sein Problem. Das lag vielmehr in seinem Umgang mit den Erlebnissen um Ewald Rüttner. Der hatte ihn mit seinem Verhalten aus der Bahn geworfen und Lukas hatte stur und unflexibel reagiert. Er erkannte, dass er dadurch einen Prozess vorangetrieben hatte, den er selbst gar nicht wollte. Daran würde er mit dem Coach weiterarbeiten, um so etwas in Zukunft vermeiden zu können. Jetzt gab es erst einmal andere Themen: Er hatte dem Vorstand vorgeschlagen, selbst den Marketingbereich zu übernehmen und eine Firma dafür zu gründen. Ihm war klar geworden, dass er nicht in den Verkauf wollte – egal wie gut dotiert der Job war. Zum Glück gab es noch keine Verträge mit der anderen Agentur. Alles war geklärt. Er freute sich auf die neue Herausforderung. „Mein Coach ist Spitze!“
Viel Erfolg bei der Umsetzung! Peter Müller