UH22 - Krankheitsbedingte Abwesenheit durch Motivation reduzieren
Mai 2011
Enrico Briegert & Thomas Hochgeschurtz
Ist Krankheit „gottgegeben“? Ist Krankheit das Gleiche wie Arbeitsunfähigkeit? Führungskräfte, die ihren Krankenstand positiv beeinflussen wollen, müssen zunächst zwei Begriffe auseinanderhalten:
- Krankheit
- Arbeitsunfähigkeit
Beginnen wir mit Krankheit: Ist Krankheit digital oder analog?
Zur Begrifflichkeit, digital bedeutet: Es gibt nur zwei Zustände, 0 und 1. Analog lässt auch alle Zwischenstufen zu.
Was denken Sie: Ist Krankheit digital oder analog?
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digital / analog |
Krankheit ist analog, also fließend. Angefangen von 100 % gesund (aber wer kann das schon von sich sagen?) bis hin zu 100 % krank. Stellen Sie sich jemanden mit einem leichten Schnupfen vor, dann mit starkem Husten und am Ende mit 40 Grad Fieber.
Schauen wir nun auf die Arbeitsunfähigkeit. Ist Arbeitsunfähigkeit digital oder analog?
Wer entscheidet in Deutschland darüber, ob ein Mensch arbeitsunfähig ist? Richtig, der Arzt. Und wann ist jemand „offiziell“ arbeitsunfähig? Wenn der Arzt ihm eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AUB) ausgestellt hat.
Wir halten fest: Krankheit ist analog, Arbeitsunfähigkeit digital. Daraus ergibt sich die Kardinalfrage: Ab wie viel Prozent Krankheit entscheidet sich ein Mitarbeiter, den Arzt aufzusuchen, um sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen?
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% |
„Es kommt darauf an“, ist die häufigste Antwort, die wir in unseren Seminaren dazu hören. Aber worauf kommt es an?
Stellen Sie sich die Zwillinge Klaus und Alfred vor. Beide haben am Montag Frühschicht. Beide quälen sich gegen 4 Uhr aus dem Bett. Auf der Bettkante sitzend, stellen beide fest, dass sie Halsschmerzen haben. Klaus und Alfred sind gleich krank.
Alfred fühlt sich in seinem Betrieb nicht wertgeschätzt. Sein Chef ist Choleriker und Alfred hasst seine Kollegen. Aber das macht nichts, da die Kollegen auch Alfred hassen. Und sein Entgelt ist ein Witz, eigentlich müsste er das Entgelt seines Chefs haben.
Wie wird Alfreds Bettkantenentscheidung am Montag früh um 4 Uhr mit Halsschmerzen, einem Choleriker als Chef und Kollegen, die nichts taugen, ausfallen?
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geht arbeiten / geht nicht arbeiten |
Mit großer Wahrscheinlichkeit fällt sie gegen die Firma aus. Alfred besorgt sich eine AUB und ist arbeitsunfähig.
Sein Bruder Klaus arbeitet in einer anderen Firma. Er hat ein vernünftiges Verhältnis zu seinem Chef und versteht sich prima mit seinen Kollegen. Es ist zwar manchmal stressig, aber die Stimmung ist gut. Klaus weiß auch, dass in dieser Woche ein wichtiger Kundenbesuch ansteht. Da wird jeder Mann gebraucht. Klaus ist gleich krank, wie Alfred. Welche Bettkantenentscheidung trifft Klaus?
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geht arbeiten / geht nicht arbeiten |
Klaus trinkt einen Tee, gurgelt mit einem bewährten Hausmittel – und geht zur Arbeit.
Jetzt schließen wir den arbeitsunfähigen Alfred an einen Lügendetektor und fragen Ihn: „Alfred, bist du arbeitsunfähig?“ Was wird er antworten?
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ja/nein |
Er wird mit „Ja“ antworten. Und was sagt der Lügendetektor?
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sagt die Wahrheit / lügt |
Alfred lügt nicht. Alfred ist arbeitsunfähig und der Lügendetektor zeigt, dass er die Wahrheit sagt!
Was lernen wir von den Zwillingen Klaus und Alfred? Dass wir zwei Formen der Arbeitsunfähigkeit unterscheiden müssen: durch Motivation beeinflusste und durch Motivation unbeeinflusste Arbeitsunfähigkeit.
Das häufigste Kommunikationsdilemma entsteht dadurch, dass betroffene Mitarbeiter sich immer im Bereich der unbeeinflussbaren Arbeitsunfähigkeit sehen, während Vorgesetzte über den Anteil beeinflussbarer Arbeitsunfähigkeit sprechen wollen.
Unsere Praxis zeigt, dass die durch Motivation unbeeinflussten Fehlzeiten im Durchschnitt bei 2 % liegen. Fehlzeiten über 2 % sind zu großen Teilen der Führungsleistung des Vorgesetzten zuzuschreiben. Die Höhe der krankheitsbedingten Abwesenheit ist deshalb die anerkannte Messgröße für die Bewertung der Führungsleistung.
Nutzen Sie die folgenden acht Maßnahmen und reduzieren Sie die beeinflussbare krankheitsbedingte Abwesenheit:
1. Erklären Sie, wer für die Arbeitsfähigkeit verantwortlich ist
Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern frühzeitig über Ihre Erwartungen zur krankheitsbedingten Abwesenheit. „Frühzeitig“ heißt: Bevor jemand krankheitsbedingt ausfällt.
Gleichen Sie ab, wer für den Erhalt der Arbeitsfähigkeit verantwortlich ist. Welche Verantwortung hat der Arbeitgeber und welche hat der Mitarbeiter? Klären Sie, wie viele Tage Arbeitsunfähigkeit pro Jahr normal sind.
2. Erklären Sie die Bedeutung niedriger Abwesenheitsquoten
Wenn Sie Ihre Mitarbeiter überzeugen wollen, benötigen Sie Argumente aus der Sicht der Mitarbeiter. Diskutieren Sie deshalb, welche Vorteile Ihre Mitarbeiter durch eine niedrige Abwesenheitsquote haben? Was bedeutet ein fehlender Mitarbeiter für die verbleibenden Kollegen?
Möglichkeit 1: der Mitarbeiter wird nicht ersetzt, dann müssen die anderen mehr arbeiten.
Möglichkeit 2: es kommt ein Ersatz, der nicht eingearbeitet ist und aufwändig eingearbeitet werden muss.
Niedrige Abwesenheitsquoten vermeiden Stress und vereinfachen die Planung, auch der freien Tage.
3. Schulen Sie Ihre Mitarbeiter zur AUB
Räumen Sie mit dem Ammenmärchen auf, dass Mitarbeiter über die Berufsgenossenschaft nicht versichert sind, wenn sie trotz AUB zur Arbeit gehen.
In Deutschland entscheidet der Mitarbeiter selbst über seine Arbeitsfähigkeit, da diese vom Genesungsverlauf und von der Tätigkeit abhängen. Deshalb steht auf der AUB: „voraussichtlich arbeitsunfähig bis…“. Das bedeutet, dass die Arbeitsunfähigkeit bei noch nicht abgeschlossener Genesung verlängert wird, was wir alle für selbstverständlich halten. Es bedeutet aber auch, dass der Mitarbeiter bei vorzeitiger Genesung seine Tätigkeit wieder aufnimmt.
Dürfen Sie erwarten, dass Ihre Mitarbeiter vor Ablauf des „gelben Scheins“ wieder zur Arbeit kommen? Selbstverständlich - wenn diese wieder arbeitsfähig sind. Schließlich zahlt der Arbeitgeber auch das komplette Entgelt, egal ob jemand gefehlt hat, oder nicht.
4. Seien Sie Vorbild
Warum sollten sich die Mitarbeiter gesundheitsbewusst verhalten, wenn der eigene Chef selbst oft krankheitsbedingt fehlt? Gehen Sie als Vorgesetzter mit vorbildlichem Verhalten voran. Leben Sie Ihren Mitarbeitern die persönliche Verantwortung für die Förderung und den Erhalt der eigenen Arbeitsfähigkeit vor. Die Bausteine hierfür sind innere Einstellung zur Arbeit, positive Lebensweise und regelmäßige Vorsorge.
5. Wertschätzen Sie 0 - Fehltage
Unternehmen, die den Krankenstand reduzieren wollen, kümmern sich intensiv um diejenigen Mitarbeiter, die durch Abwesenheit auffallen. Dabei werden die „Null-Tage-Mitarbeiter“ häufig übersehen. Zeigen Sie diesen Mitarbeitern durch Ihre persönliche Wertschätzung, dass Ihnen das Thema wichtig ist.
Und schreiben Sie bitte keinen Dankesbrief. Investieren Sie das Wertvollste, was Sie als Führungskraft besitzen: Ihre Zeit. Bedanken Sie sich persönlich – es lohnt sich.
6. Messen und visualisieren Sie den Krankenstand
Ist Ihnen die Kennzahl Krankenstand wichtig? Dann hängen Sie diese auch offen aus und informieren Sie täglich darüber.
Denn die krankheitsbedingte Abwesenheit mit Lohnfortzahlung ist der anerkannte Indikator für die Motivation und Einstellung der Mitarbeiter zu ihrem Arbeitgeber; und damit auch für die Führungsleistung des jeweiligen Vorgesetzten.
Deshalb gehört die krankheitsbedingte Abwesenheit zu den wichtigsten fünf Kennzahlen des Unternehmens.
7. Lassen Sie die Krankmeldung nur beim Vorgesetzten zu
Bestehen Sie darauf, dass der Mitarbeiter die Arbeitsunfähigkeit vor Arbeitsbeginn beim Vorgesetzten anzeigt. Sie unterstreichen damit, dass Ihnen der Krankenstand im Team wichtig ist.
Die fehlerhafte Meldung im Krankheitsfall ist kein Kavaliersdelikt. Unpünktliches Anzeigen ist ein grober Verstoß gegen die arbeitsvertraglichen Pflichten und deshalb entsprechend zu sanktionieren. Seien Sie konsequent. Dies ist auch fair gegenüber denjenigen, die immer da sind und für die anderen mitarbeiten.
8. Sorgen Sie für Handlungsspielraum
Stellen Sie sich vor, Ihr neuer Vorgesetzter sagt im Begrüßungsgespräch: „Meine Aufgabe ist es, Sie zu motivieren!“
Weckt diese Aussagen Ihre innere Motivation? Vermutlich nicht, das ist pure Demotivation. Es gilt der Grundsatz: Mitarbeiter sind motiviert. Vorgesetzte können „nur“ Demotivation vermeiden!
Sie haben sogar die Pflicht, Demotivation zu vermeiden. Aber wie geht das?
Gestalten Sie Arbeitsaufgaben so, dass sie ein hohes Motivationspotenzial haben. Das Motivationspotenzial ist hoch, wenn Sie:
- Erklären, warum die Aufgabe wichtig ist und wie sie zum Großen und Ganzen beiträgt.
- Den Mitarbeitern Freiräume bei der Erledigung der Aufgabe einräumen.
- Routineaufgaben mit wertschätzenden Aufgaben ergänzen.
- Rückmeldung zur erbrachten Leistung ermöglichen.
Wenn sich Ihre Mitarbeiter mit den Aufgaben identifizieren, sinkt die durch Motivation beeinflussbare Abwesenheit auf null. Die dann verbleibenden Arbeitsunfähigkeitszeiten sind Sache des Arztes und eines guten betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Viel Erfolg bei der Umsetzung! Enrico Briegert & Thomas Hochgeschurtz