UH24 - Arbeitsunfälle vermeiden
Juli 2011
Enrico Briegert & Thomas Hochgeschurtz
„Bei 47 von 53 tödlich verlaufenen Unfällen haben Waldarbeiter Generalregeln zur Arbeitssicherheit missachtet und Unerlaubtes praktiziert.“ (Heil 1996). Ähnlich verhält es sich im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz. Unfälle werden am häufigsten durch bewusst falsches Verhalten (Fehlverhalten) verursacht. Im Straßenverkehr wird die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten und im Betrieb vorgeschriebene Schutzausrüstung nicht getragen.
Verhaltensbeeinflussung ist deshalb der Schlüssel, um die Anzahl der Arbeitsunfälle dauerhaft zu reduzieren. Diese Umsetzungshilfe gibt Ihnen konkrete Tipps:
1. Analysieren Sie Unfälle nach dem TOP-Prinzip und handeln Sie danach
Untersuchen Sie jeden verursachten Unfall nach den Kriterien:
- Technisch: War technisches Versagen die Unfallursache. Hatte sich zum Beispiel Wasser mit der Bremsflüssigkeit vermischt?
- Organisatorisch: Lassen die Arbeitsabläufe kein sicheres Arbeiten zu, muss der Mitarbeiter zum Beispiel immer den Verkehrsgang für das Bedienen der Maschine betreten?
- Persönlich: Ist der Unfall durch falsches Verhalten des Mitarbeiters verursacht wurden, wurde zum Beispiel die vorgeschriebene Schutzausrüstung nicht getragen?
Beispiel: Um schneller zu seiner Maschine zu kommen, übersteigt der Mitarbeiter ein am Boden montiertes Förderband. Dabei stolpert er und verstaucht sich sein Bein. Was ergibt die TOP-Analyse? Ist die Unfallursache technisch, organisatorisch oder persönlich?
Ursache für diesen Unfall ist ein Fehlverhalten des Mitarbeiters, das Übersteigen eines Förderbandes. Welche Maßnahmen würden Sie aus diesem Unfall ableiten? Sie könnten das Förderband einzäunen um damit diese Unfallmöglichkeit für immer (?) auszuschließen. Das wäre eine technische Maßnahme auf ein persönliches Fehlverhalten.
Ursache und Maßnahme finden nicht auf der gleichen Ebene statt. Dies führt direkt in den Teufelskreis stetig steigender Kosten für den Arbeitsschutz, sinkender Akzeptanz der Maßnahmen und zunehmenden Fehlverhalten. Einstellung und Verhalten lassen sich nicht durch Technik verändern. Wenn Menschen von etwas nicht überzeugt sind, finden sie kreative Lösungen um die Einschränkung zu umgehen. Haben Sie in Ihren Unternehmen schon einmal überbrückte Endschalter oder demontierte Schutzeinrichtungen gesehen?
Verhalten beeinflussen Sie durch:
- Vorbild
- Einsicht
- und Konsequenz.
2. Vorbild: Sicherheit als oberstes Gebot und wegschauen heißt zustimmen
2.1 Vorbild sein
Wenn Sie von Ihren Mitarbeitern das Tragen von Sicherheitsschuhen erwarten, dann tragen Sie auch Sicherheitsschuhe. Dann tragen auch Ihre Führungskollegen, Ihr Chef, der Inhaber, selbst Lieferanten und wichtige Kunden Sicherheitsschuhe. Vorbild heißt, Sie leben vor – was Sie von anderen erwarten.
2.2 Fehlverhalten ansprechen
Auf dem Weg zu einem Meeting beobachten Sie, wie ein Mitarbeiter der Nachbarabteilung über ein Förderband steigt. Wie reagieren Sie?
Sie haben nur eine Möglichkeit. Wenn Ihnen Sicherheit wichtig ist, dann sprechen Sie das Fehlverhalten direkt an. Wenn Sie es nicht ansprechen, dann haben Sie stillschweigend dem falschen Verhalten zugestimmt. Nach einigen Wiederholungen wird damit aus falschem Verhalten normales Verhalten. Es ist dann in dieser Firma normal und sozial akzeptiert, dass man über Förderbänder steigt. Wie fühlt sich ein Mitarbeiter, der immer nach seinen Kollegen im Pausenraum eintrifft, da er die mögliche Abkürzung über die Förderbänder nicht nutzt? Wer ist in dieser Situation der gefühlte Depp? Derjenige, der den offiziellen und längeren Weg in die Pause wählte – oder diejenigen, die abkürzten? Macht doch jeder so. Und der Chef hat es auch schon gesehen. Hoffentlich nicht auch so gemacht!
„Fehlverhalten ansprechen“ ist auch eine auszusprechende Erwartung an alle Mitarbeiter. Der dauerhafte Erfolg stellt sich ein, wenn die Mitarbeiter bereit sind sich untereinander auf falsches Verhalten hinzuweisen. Sicherheitsarbeit ist Teamarbeit und nicht Aufgabe der Sicherheitsabteilung.
2.3 Im Dilemma gilt: Sicherheit vor Qualität oder Produktivität
Exzellente Unternehmen balancieren Arbeitssicherheit, Qualität und Produktivität aus, d.h. sie sind in allen drei Feldern sehr gut. Nur im Dilemma-Fall gilt: Sicherheit vor Qualität und Produktivität. Zeigen Sie, dass Sie in der Dilemma-Entscheidung zwischen Arbeitssicherheit und einem wichtigen Kundenauftrag immer die Sicherheit vorziehen. Kein Kundenauftrag rechtfertigt unsicheres Verhalten. Indem Sie jedes Meeting mit dem Punkt Arbeitssicherheit beginnen, unterstreichen Sie Ihre Überzeugung.
3. Erzeugen Sie Einsicht: Sicherheit ist für die Mitarbeiter
3.1 Arbeitssicherheit dient dem Schutz der Mitarbeiter
Warum ist Ihnen sicheres Arbeiten wichtig? Warum sollte Ihren Mitarbeiter sicheres Arbeiten wichtig sein?
Erklären Sie, dass es Ihr oberstes Ziel ist, dass Ihre Mitarbeiter gesund in den Feierabend und später in die Rente gehen können. Erklären Sie auch, warum dazu die Einhaltung bestimmter Regeln notwendig ist.
3.2 Jede Kleinigkeit kann zum Tode führen
Wie vermeiden Sie den tödlichen Arbeitsunfall? Nur indem Unzulänglichkeiten vermieden werden – kann der tödliche Arbeitsunfall vermieden werden! Der Mitarbeiter kann es vermeiden über ein Förderband zu steigen. Wenn der Mitarbeiter aber über das Förderband stolpert, hat er keinen Einfluss auf die möglichen Auswirkungen. Im günstigen Fall fängt er sich auf und kommt mit dem Schrecken davon. Im ungünstigen Fall schlägt er mit dem Hinterkopf auf einen Gegenstand und ist tot.
Die Heinrich-Pyramide und ihre Konsequenzen:

Die Heinrich-Pyramide basiert auf den Beobachtungen des amerikanischen Versicherungsingenieurs Herbert Heinrich. Die verwendeten Zahlen stammen aus Untersuchungen bei DuPont (Käfer, 1999). Dieser statistische Zusammenhang wird in der Praxis leider immer wieder bestätigt, so z. B. durch die deutsche Unfallstatistik von 2008.
4. Gehen Sie mit Fehlverhalten transparent und konsequent um
Wenn Sie beobachten, wie sich jemand bewusst falsch verhält, handeln Sie konsequent. Sprechen Sie vorher über mögliche Konsequenzen, d.h. an einem Tag, an dem sich noch keiner fehlverhalten hat. Diskutieren Sie beispielsweise, wie Sie zukünftig damit umgehen, wenn jemand die Vorschrift „Tragen von Sicherheitsschuhen in der Produktion“ missachtet oder über Förderbänder steigt.
Mögliche Konsequenzen sind: Gespräch (mildestes Form), Gespräch mit Notiz, Abmahnung und Kündigung. Legen Sie vorher fest, welche Konsequenz zukünftig dem Übersteigen von Förderbändern folgt. Wenn Sie das Gespräch mit Notiz als angemessen halten, dann informieren Sie Ihre Mitarbeiter darüber. Und vor allem: Halten Sie sich dran! Wenn der erste Mitarbeiter gegen diese Regel verstößt, setzen Sie die angekündigte Konsequenz auch durch.
Viel Erfolg bei der Umsetzung! Enrico Briegert & Thomas Hochgeschurtz
Ressourcen:
Heil, K. (1996): Was bringt uns weiter – Einsicht oder Zwang? Forst und Holz, 51. Jahrgang, Nr. 21, S. 698-703.
Hochgeschurtz, Thomas (2009): Konsequent. – Das Buch zum Nicht-Technischen-Training, ikotes-Verlag, Bühl.
Käfer, Martin (1999): Das Arbeitsschutzsystem bei DuPont de Nemours, Hans Böckler Stiftung, Arbeitspapier 10, Düsseldorf.